Autorinneninterview: E. S. Schmidt zu Welt der Schwerter


Autorinneninterview

Hallo liebe Bookies.

Kennt ihr das auch? Ihr lest ein Buch und fragt euch, was sich der/die Autor*in in diesem Moment gedacht hat? Was ihn/sie zu der Grundidee des Buches gebracht hat? Oder wieso die Charaktere die Namen tragen, die sie haben?

Ich kann euch gar nicht sagen, wie oft mir das so geht. Doch die Antwort ist: Oft.


Gemeinsam mit der lieben E. S. Schmidt habe ich heute daher ein kurzes Interview zu ihrer Welt der Schwerter Dilogie für euch. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, wir können euch für Welt der Schwerter begeistern. (Rezensiert am: 10.01.2022 | 4/5 Sternen)

Welt der Schwerter | E. S. Schmidt | 348 Seiten | High Fantasy | Lindwurm Verlag | 12,00€

1. Was hat dich zu Welt der Schwerter inspiriert? (Ein Lied, ein Film, ein Traum, ein Gespräch, ein Spiel,...) 

    Für mich ist ein Roman wie ein breiter Strom, der sich aus mehreren Quellflüssen speist – und meistens kommen im Laufe des Schreibens noch ganz viele Nebenflüsse dazu.

    Mein erster Quellfluss war die Kurzgeschichte einer Freundin über einen Bruderkrieg. Hier war die Besonderheit, dass der „helle“, beliebte Königssohn eigentlich der Böse ist und der „dunkle“, gefürchtete der Gute. Mir gefiel aber das Verhältnis der Winchesters aus Supernatural besser – Brüder, die zwar grundverschieden sind, aber gegen alle Bedrohungen zusammenhalten.

    Außerdem hat es mich interessiert, wie ich zwei charakterlich unterschiedliche Männerfiguren gestalten kann, die aber beide auf ihre Weise „männlich“ sind (Im positiven Sinne, eben nicht toxisch). Im Prozess des Schreibens habe ich herausgefunden, was das für mich eigentlich ausmacht.

    Und schließlich wollte ich nach der Lektüre diverser Fantasy-Reihen herausfinden, wie ich mehrere parallele Erzählstränge (bei mir sind es bloß zwei) so aufeinander abstimmen kann, dass man nicht versucht ist, einen davon zu überblättern. Im Laufe des Schreibens wurde dann deutlich, dass die beiden Stränge nicht die von Siluren und Coridan sind, sondern die von Siluren und Lynneth. Lynn hat gewissermaßen Cor den Rang abgelaufen und sich zur Hauptfigur gemausert (was ja auch ihrem Stand und ihrer Bedeutung in Galathräa entspricht).

2. Wie viel finden wir von dir selbst in den einzelnen Charakteren wieder? Oder ist eine Figur sogar dein Ebenbild?

Da ich diese Welt und die Figuren ja erschaffen habe, bin ich wohl die Erdmutter. Aber Spaß beiseite - die Hauptfiguren in der High Fantasy sind oft überlebensgroß. Mit solchen Helden kann man sich nur schwer identifizieren.

Früher dachte ich, dass ich schreibe, um von mir und meinem Alltag wegzukommen. Daher war ich der Meinung, dass ich in meinen Geschichten überhaupt nicht vorkomme. Nach mittlerweile sieben veröffentlichten Romanen fangen meine Bücher aber an, wie ein Spiegel zu wirken. In ihnen erkenne ich, was mich beschäftigt, und ich stelle fest, dass ich oft eine Figur hineinschreibe, die zwischen männlich und weiblich changiert. In der „zweiten Finsternis“ war es Lucy, eine XY-Frau. In der „Welt der Schwerter“ ist es Kira, die in Männerkleidern unter Soldaten lebt und unfruchtbar ist. Und in RHO, der dieses Frühjahr erscheint, füllt Judith diese Rolle aus.

Diese changierenden Figuren in meinen Büchern sind immer Nebenfiguren. Von den Lesern und Leserinnen werden sie trotzdem oft als Sympatieträger wahrgenommen. Irgendwie scheint mich etwas mit ihnen zu verbinden, aber vielleicht muss ich noch ein paar Romane schreiben um genau herauszubekommen, was das eigentlich ist.


 


3. Ich bin ja aktuell bei Band 2 und liebe sowohl Kira als auch Lynn für das Feuer, das in ihnen brennt. Ganz besonders Lynns Schlagfertigkeit würde ich einmal hautnah erleben wollen. Wenn du einen Tag mit einem der Charaktere verbringen könntest, wer wäre es und wieso?

Ich denke mal, bei einem Tag mit Kira oder Coridan wäre ich ziemlich schnell aus der Puste. Lynn ist über das Buch hinweg so sehr auf der Suche nach sich selbst, dass ich einen Tag mit ihr vermutlich erst nach den Ereignissen der Bücher genießen würde, wenn sie wirklich zu ihrer Bestimmung gefunden hat.

Davor würde meine Wahl ganz klar auf Siluren fallen. Ich würde den ganzen Tag mit ihm herumphilosophieren, und wir würden uns gegenseitig die großen Autoren und Geschichten unserer jeweiligen Welt vorstellen.


4. Hörst du Musik beim Schreiben? Welches Lied würde perfekt zu Welt der Schwerter passen?

Tatsächlich suche ich mir für jedes Buch einen Soundtrack aus, den ich beim Schreiben immer zu hören versuche. So komme ich bei Bedarf schneller in die Stimmung des Buches hinein und kann mich besser selbst motivieren.

Bei Welt der Schwerter war das das Album „SkyWorld“ von Two Steps from Hell.


5. Was hat dich zu den außergewöhnlichen Namen inspiriert, die Siluren, Coridan und Co tragen? (Pinterest, Babynamenseiten, gezielte Suche,....)

Diese Namen sind mir tatsächlich bei Schreiben einfach aus den Fingern geflossen, genauso wie Bezeichnungen wie No’Ridahl oder Akh’Eldash.

Das klappt aber nicht immer. Bei meinem aktuellen Projekt habe ich den Namen der weiblichen Hautfigur dreimal geändert, bis ich ihn stimmig fand. So lange bin ich auch mit der Figur selbst nicht warm geworden. Manchmal spiele ich auch mit Fantasy-Namen-Generatoren im Internet (ja, sowas gibt’s), aber bisher habe ich noch keinen der dort generierten Namen eins-zu-eins verwendet.


6. Das Setting in Welt der Schwerter ist ja doch etwas düster. Ich persönlich liebe es, mich in solchen Welten zu verlieren. Sie selbst zu besuchen, würde ich mich dann jedoch nicht trauen. Wenn du die Wahl hättest, würdest du einen Tag in dein Buch schlüpfen oder wäre dir das Setting zu rau und gefährlich?

Höchstens als Königin oder Herzogin.

Im Grunde geht es in dem Buch ja genau darum, dass die dort dargestellte Welt verändert und überwunden werden soll. Beim Schreiben wurde mir oft klar, wie unglaublich dankbar wir zum Beispiel dafür sein können, dass unsere Städte ganz ohne Mauern auskommen – eine Vorstellung, die jahrtausendelang als geradezu absurd galt. Oder dass wir einen Waldspaziergang machen können, ohne Angst, von Wegelagerern überfallen zu werden. Oder dass ich nicht der Willkür eines feudalen Herrschers unterworfen bin. Demokratie und Rechtsstaat sind große Errungenschaften, und wir sollten sie wirklich schätzen.



7. Die Charaktere aus Welt der Schwerter reiten auf Ulphanen und Dinjis. Was hat dich zu diesen Tierwesen inspiriert?

Der Weltenbau ist für manche Fantasyautoren der ganze Spaß an der Sache. Für mich ist er immer irgendwie Arbeit – vielleicht deshalb, weil mir die Figuren und ihr Schicksal wichtiger sind. Aber das muss nichts Schlechtes sein. Gerade die Dinge, um die man ringt, können am Ende besonders gut werden.

Der Ausgangspunkt war ein Störgefühl. Fantasy-Geschichten spielen in fremden Welten, aber die Leute reiten auf Pferden und schicken Brieftauben (oder auch mal Raben). Ist das nicht blöd? In der Science Fiction passiert sowas eher nicht.

Also fing ich experimentell damit an, mir andere Bezeichnungen zu überlegen – stellte dann aber fest, dass ich trotzdem noch immer die gleichen Tiere vor meinem geistigen Auge hatte. Dadurch, dass ich einen Hasen Feldrenner und einen Wolf Varkas nenne, ist es kein anderes Tier. Außerdem würden sich in einer Welt mit ähnlichen natürlichen Voraussetzungen auch Tiere mit ähnlichen Eigenschaften für die entsprechenden biologischen Nischen entwickeln. Warum sollte ich ein Tier, das aussieht und lebt wie ein Hase, nicht auch so nennen?

Zudem ergaben sich dann plötzlich ganz andere Probleme. Wie kann Siluren den Spitznamen Prinz Hasenfuß bekommen, wenn es gar keine Hasen gibt?

Und schließlich: wenn ich ein völlig anderes Wort erfinde, muss ich plötzlich viel Platz dafür verwenden, um ein Tier zu beschreiben, das aber für die Geschichte vielleicht gar keine größere Rolle spielt.

Also habe ich das wieder zurückgedreht und bin den umgekehrten Weg gegangen – ich habe bekannte Bezeichnungen genommen (z. B. Wisent), was beim Lesen schon ein bestimmtes Bild heraufbeschwört, ohne dass ich viel beschreiben muss. Dann habe ich Details angefügt, die deutlich machen, dass es nicht „unsere“ Wisents sind (z.B. vier Hörner). Und das hat mich dann dazu befreit, weitere Details und Eigenheiten anzufügen, und schließlich auch hier und dort wieder die Namen zu verändern.

Zumindest bei zentraleren Tieren. In der Thulmark erlegt Coridan trotzdem einen Hasen.


8. Dein liebstes Zitat aus der Dilogie?

Natürlich das Siluren-Zitat aus Band 2, was auch über dem Klappentext steht (und das ich auch damals über das Exposé geschrieben habe):

„Eine Welt, die den besten Fechter zum Herrscher kürt,

wird immer eine Welt der Schwerter bleiben.“

Es fasst die Kernaussage des Buches wunderbar zusammen.

Es gibt inzwischen Rezensionen, die bemängeln, dass Kira und Lynn am Ende von Band 2 schwach erscheinen, weil sie nicht „um ihr Glück kämpfen“. Das ist für mich eine eher männliche Sicht, die nicht begreift, worum es mir eigentlich ging.

In der „Welt der Schwerter“ werden Prinzipien wie Kampf und Konkurrenzdenken als männlich gewertet, während das weibliche Prinzip in Kooperation und der Fürsorge füreinander besteht. Für mich bedeutet das für Galathräa wie für unsere Realität: Damit Frauen in der Welt mehr erreichen können, sollten nicht die Frauen „männlicher“ werden müssen, sondern die Welt „weiblicher“ – und dafür kämpfen Kira, Lynn und auch Siluren (der auch deshalb von vielen in seiner Welt als „weibisch“ empfunden wird).


9. Siluren oder Coridan?

Siluren, ganz klar. Coridan ist zwar die positive Version des „edlen Ritters“, und als solcher absolutes Schwärmerei-Material, doch ich möchte nicht in einer Welt leben, in der solche Männer nötig sind. Sie tendieren dazu, die Welt nach ihren Bedürfnissen zu formen.

Für Coridan spricht allerdings, dass er erkannt und akzeptiert hat, dass er ein Auslaufmodell ist.


Ganz lieben Dank an Aya Rose für diese Möglichkeit, meine Gedanken auszubreiten.


Liebend gern! Ich für meinen Teil hatte sehr viel Spaß bei der Erstellung, Überarbeitung und Veröffentlichung des Interviews und möchte mich ganz herzlich für die tolle Zusammenarbeit bedanken! Da es mein erstes Autor*inneninterview war bzw. ist, bin ich noch immer unendlich nervös und hoffe, es hat euch gefallen.

Falls ihr Welt der Schwerter noch nicht kennt, hier noch ein paar Hard Facts:

Welt der Schwerter | E. S. Schmidt

Lindwurm Verlag | 348 Seiten

Taschenbuch | 12,00 € | High Fantasy Dilogie

Und hier geht es zu meiner Rezension von Band 1: Welt der Schwerter - Teil 1

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